die memoiren der susi - II

kapitel 10

 
als susi vorsichtig die türe öffnete, sah sie diesen mann mit dem rücken zu ihr am fenster stehen und durch die weißen stores auf die straße blicken. in der rechten hand hatte er eine pfeife und zog sanft daran. kleine rauchwölkchen stiegen über ihm auf. er schien in gedanken verloren und susis eintreten nicht zu bemerken.
susi blickte sich hilflos um und entschloß sich dann beherzt zu  einem kleinen räuspern, um auf sich aufmerksam zu machen. der mann am fenster wandte sich zu ihr, und sein überraschter  gesichtsausdruck machte einem wohlwollenden lächeln platz. er kam auf susi zu und reichte ihr seine feingliedrige, aber starke hand.
susi nahm sie zögernd entgegen, traute sich jedoch kaum in das gesicht ihres gegenüber zu sehen. als sie es doch wagte, sah sie in ein markantes gesicht mit dunklen rauchigen augen, in denen sich die große weite welt zu spiegeln schien.
‚ich bin baron von herstetten. und wer sind Sie, wenn ich mir die frage erlauben darf?‘ sie glaubte, in seinen vollen lippen ein leichtes amusement zu erkennen.
susi errötete sanft unter der sonoren stimme von offenbar zünftigem adel. wie ausgesucht höflich er zu formulieren wußte! noch nie war susi mit solch gewählten worten angesprochen worden.
‚susi‘, flüsterte sie fast unhörbar.
‚pardon?‘ der adrette herr neigte ein wenig den kopf zu ihr.
‚ich heiße susi‘, antwortete sie nun mit etwas festerer stimme.
‚Sie sind neu hier, nicht wahr?‘ der baron sah sie an. seine gesichtszüge waren fein geschnitten, er mochte wohl die 40 lenze gerade überschritten haben und wirkte elegant in seinem dunkelblauen anzug aus feinstem tweed. ihn umgab ein leichter, kaum wahrnehmbarer duft von maiglöckchen.
susi nickte, während sie mit der versuchung kämpfte, auf dem absatz kehrt zu machen und aus dem zimmer zu laufen. sie war hier verkehrt. wieso sollte dieser feine herr den wunsch geäußert haben, ausgerechnet sie zu treffen?
sie war doch nur das plumpe suserl, das vor kurzem noch bei ihrer omimi auf dem dorf zuhause gewesen war und nichts von der welt wußte. es mußte sich um einen schrecklichen irrtum handeln. gleich würde der baron es merken und sie aus dem zimmer werfen.
statt dessen zeigte er freundlich auf den silbernen eiskübel, der gefüllt mit einer schweren grünen flasche auf dem kaffeetisch stand: ’kann ich Ihnen vielleicht ein gläschen champagner zur erfrischung anbieten?’
champagner! sie hatte noch nie alkohol probiert, nur einmal heimlich an dem gläschen eierlikör genippt, das ihre oma stets abends vor dem schlafengehen zu trinken pflegte.
bevor sie antworten konnte, reichte der herr baron ihr bereits ein kristallenes glas mit dem perlenden naß. es sah köstlich und verführerisch aus.
‚dann prosit, fräulein susi, auf das leben.‘
sie stießen an. susi hatte noch nie etwas so liebliches getrunken.
sie nahmen auf der samtbezogenen chaiselongue platz, und der herr baron begann, sie ein wenig nach ihrem leben zu befragen. susi antwortete stockend, was hatte sie schon großartig zu erzählen? sie war ein weißes blatt im buch des lebens, und was ihr bislang widerfahren war, kam ihr lächerlich vor in gegenwart dieses herrn von blauem geblüt.
aber nachdem sie das erste glas geleert hatte und ihr ein zweites nachgegossen worden war, löste sich ihre zaghafte zunge ein wenig, und sie begann von ihrem überstürzten aufbruch und der reise zu madame zu erzählen. baron von herstetten hörte interessiert zu.
als susi das zweite glas geleert hatte, war ihr ein wenig schwindlig, und sie spürte, wie ihre gedanken und gefühle nach einem rhythmus zu tanzen schienen, den sie noch nie zuvor in sich gespürt hatte. sie fühlte sich seltsam gelöst, und die gegenwart des barons kam ihr nicht mehr ganz so seltsam vor wie zu beginn des abends.
‚Sie haben glück, fräulein susi, daß Sie bei madame zuflucht gefunden haben. sie wirkt manchmal wohl ein wenig kühl, aber sie hat ein gutes herz und verlangt von ihren mädchen nichts, was ihnen schaden könnte, nicht wahr?‘
susi wußte nicht genau, was sie darauf antworten sollte, und sah ihn fragend an.
‚nun‘, er sah ihr in die augen und nahm ihre hand, die vor aufregung ein wenig zitterte. ‚vor mir brauchen Sie sich nicht zu fürchten, ich werde Sie bestimmt nicht bedrängen.‘
schlagartig begriff susi, in welch delikater situation sie sich befand und was man von ihr erwartete. sie sollte diesem herrn auf unziemliche weise zu diensten sein und ihm ihre unschuld darbieten. war das nun der augenblick, den sie in ihrem tiefsten innern erwartet hatte, ohne es sich einzugestehen? sie erschrak zutiefst, und panik überfiel sie.
nein, sie war nicht bereit zu solcher art tändelei. nicht, wenn keine liebe im spiel war. sie kannte diesen mann ja kaum, wie konnte sie ihm dann reinen gewissens ihren jungfräulichen körper andienen?
abrupt stand sie auf, setzte sich aber sogleich wieder, weil sie merkte, daß die beine ihr den dienst versagten.
sie schüttelte den kopf: ’mein herr, bitte, glauben Sie mir, ich habe mit diesem gewerbe nichts gemein. ich bin doch nur ein schlichtes gemüt, das gottes verschlungene wege an diesen ort geführt haben.
tränen traten in ihre glühenden augen, und ein rauhes schluchzen entfuhr ihrer trockenen kehle. sie sah ihn flehend an.
baron von herstetten nahm nun auch ihre zweite hand in seine und betrachtete sie voll anteilnahme. ‚liebes fräulein susi, sie brauchen sich wirklich nicht zu fürchten. mein herz schlägt in einem besonderen takt, und so hinreißend sie auch sind, so hat mich die natur doch in andere gefilde der versuchung verbannt.‘
susi sah ihn mit einer mischung aus dankbarkeit und ratlosigkeit an. was hatte das zu bedeuten? hatte sie sich geirrt? und welches rätselhafte schicksal mochte einen solch edlen herrn dann in dieses haus voller zwielicht verschlagen haben?
er reichte ihr sein blütenweißes einstecktuch, damit sie ihre tränen trocknen konnte. obschon sie nicht verstand, was der herr baron ihr soeben mitzuteilen versucht hatte, spürte sie doch instinktiv, daß sie ihm vertrauen konnte und daß sein herz, ähnlich wie das ihre, einen heimlichen kummer barg.
als sie ihm das tuch zurückgab, sah sie, daß auf ihm mit königsblauem seidengarn zwei buchstaben gestickt waren:
E. B.

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