kapitel 9

und dann kam der grosse tag, dem sie mit unbestimmter furcht, aber auch mit einer unerklärlichen art fiebriger erwartung entgegen gesehen hatte. es war ein flirrender sommernachmittag, als susi bedeutet wurde, sich in madames büro einzufinden. hatte ihr früher bereits bei dem gedanken daran der atem gestockt, so bereitete eine solche aufforderung susi nun bei weitem nicht mehr so viel unbehagen. mittlerweile hatte ihre furcht vor dieser respektablen person ein wenig nachgelassen. sie war sich sicher, daß hinter der strengen fassade der undurchsichtigen frau auch nur ein mensch aus fleisch und blut mit ganz normalen sorgen und nöten verborgen lag, und manches mal hatte sie sogar den eindruck, als husche ein wohlgefälliges schmunzeln über die sonst so steinerne miene, wenn ihr susi begegnete.
als sie die tür zu madames büro öffnete, spürte sie sogleich, dass die heutige aufwartung eine ganz besondere bedeutung hatte, und die resoluten worte ihrer chefin bestätigten die in ihr flackernde ahnung.
madame sah sie durch ihre funkelnde schmetterlingsbrille an.
‚susi, einige wochen sind nun ins land gegangen seit deiner ankunft. du warst immer recht fleissig und mit der unterstützung deiner kolleginnen hast du dich recht flott gemausert. nun, heute abend erwarten wir einen seltenen gast von hohem gesellschaftlichem rang. er hat von dir gehört und mich gefragt, ob du ihm wohl ein wenig gesellschaft wirst leisten können.’

susis gedanken sausten in ihrem kopf umher wie ein schwarm wilder hummeln. dies war keine frage, sondern eine aufforderung, die keinen widerspruch duldete, soviel wusste sie bereits. der augenblick ihrer eigentlichen bestimmung in dem seltsamen haus war gekommen. allein – sie konnte sich noch immer keinen rechten reim darauf machen. was bedeutete es wohl, wenn dieser offenbar feine herr ihre gesellschaft wünschte? würde er sich mit ihr unterhalten wollen und womöglich bald merken, dass sie nur ein mädchen vom lande war, das nicht geübt war in eleganter konversation? würde er enttäuscht sein und sich bei madame über sie beschweren?
oder würde es womöglich zu jenen pikanterien kommen, die ihre geliebte omimi manches mal mit unheilschwangerem ton erwähnt und vor denen sie stets warnend den finger gehoben hatte, ohne sie genauer zu erklären?
babs’ oft undurchsichtige andeutungen und die zweideutigkeiten der anderen mädchen, oft halb im scherz gesprochen, liessen sie bereits seit langem ahnen, dass hier hinter verschlossenen türen dinge vor sich gingen, die sie sich in ihren kühnsten vorstellungen nicht auszumalen im stande war. auf ihre zaghaften nachfragen hin speiste man sie regelmässig mit einer wegwerfenden handbewegung ab, ganz so, als mache man sich einen spass daraus, sie im ungewissen zu lassen. würde susi dieser unaussprechlichkeiten nun nur zu bald selbst teilhaftig werden? für einen augenblick überflog eine brise glühender röte ihre mädchenhaften züge.

‚mach dich also hübsch zurecht, nikki wird dir dir die passende couture zusammenstellen, und um acht uhr heisst es dann: vorhang auf zur grossen premiere!’ madame sah sie aufmunternd an. in ihrer miene lag beinahe etwas verschwörerisches, als stiegen beim anblick dieses unschuldigen wesens vor ihr und der bevorstehenden ereignisse unvermittelt erinnerungen an ihre eigene jugend in ihrem versiegelten herzen auf.

der rest des tages verging unerwartet schnell, während susi sich sorgfältig zurecht machte und dabei versuchte, ihre fieberhafte nervosität im zaum zu halten.
babsi spähte auf einen sprung zu ihr hinein, um ihr mit dem einen oder auch anderen modischen trick zur seite zu stehen. susis fragen nach dem geheimnisvollen fremden, der sie an diesem abend erwartete,  quittierte die freundin nur mit einem spitzbübischen lächeln.

um punkt acht uhr stand nikki in der türe. susi warf einen letzten unsicheren blick in den spiegel. was sie sah, war ein schicker teenager in einem eng geschnittenen kleid aus smaragdfarbenem chintz mit weissem chrysanthemenkrägelchen und dem dazu passenden gürtel. sie hatte sich in nur kurzer zeit zu einem reizendem backfisch entwickelt, ohne zweifel. aber was hielt wohl die zukunft,  ja der kommende abend für sie bereit? befand sie sich bereits auf der schwelle zur frau? sie erschrak, als dieser gedanke sie wie ein blitz aus heiterem himmel durchschoss.

nikki durchbrach mit fester stimme ihre gedanken.
‚in ordnung, dann wollen wir mal. monsieur wartet äusserst ungern.’

1_b.jpg