kapitel 8

einige wochen gingen ins land, in denen susi versuchte, sich einzugewöhnen. das war nicht ganz einfach, schließlich unterschied sich das kunterbunte treiben hier sehr von dem stillen leben, das sie bisher gewohnt war. nicki hatte sie angewiesen, sich in der küche nützlich zu machen. das tat sie nur zu gerne, schließlich war sie es ihr leben lang nicht anders gewöhnt, als im haushalt zur hand zu gehen. sie war recht geschickt darin, kartoffeln zu schälen, gemüse zu häxeln und fleisch zu parieren. hannelore, die köchin war manchmal etwas ruppig, aber in der tiefe ihres schlichten herzens eine grundgute seele. sie brachte ihr allerhand nützliche kniffe bei und susi vergalt es ihr, indem sie das eine oder andere schmackhafte eintopfrezept ihrer omi verriet.
die anderen mädchen waren in ihrer munteren art alle recht freundlich zu ihr, und sie hatten  miteinander viel spaß, wenn sie zum beispiel gemeinsam mit den hunden von madame herumtollten, aber mit keiner verstand sie sich so gut wie mit babs. die war ein rechter wirbelwind, konnte aber auch zuhören, wenn susi wieder einmal das heimweh überfiel und sie sich zergrübelte, was ihr omilein wohl jetzt tat und ob sie sich sehr über das ungewisse schicksal ihrer einzigen enkelin grämte? und pitti, wer sich jetzt wohl um das arme blinde wesen kümmerte? all das schoss ihr manches mal durch den kopf und ließ ihr herz schwer werden. in solchen augenblicken munterte babs sie auf, scherzte und gab ihr einen nasenstüber. dann spielten sie gummitwist oder scharade, und die welt war gleich viel bunter. manchmal träumten sie von der zukunft und wie sie wohl aussehen würde. sie fragten sich, ob sie eines tages die große liebe finden würden und ob ihr zukünftiger wohl aufregend aussehen würde wie ein filmstar oder seriös und ernsthaft wie ein arzt oder ein anwalt. hin und wieder machte dabei babs eine bemerkung über männer, die susi nicht ganz verstand. aber wenn sie dann fragend dreinschaute, winkte ihre freundin nur lachend ab und sagte: ‚das leben ist kein karussell, aber das wirst du noch früh genug erfahren.’ susi ging nie weiter darauf ein, aber sie spürte, daß hinter babs’ rätselhaften andeutungen ein geheimnis lag, das mit diesem haus zu tun hatte und mit den reiferen herren, die sich hier des nächtens einzuquartieren pflegten. und mit den fremdartigen geräuschen, die durch verschlossene türen drangen und denen sie manches mal verwirrt lauschte, wenn sie in ihrem kleinen mansardenzimmer lag, in einem liebesroman blätterte und nicht einschlafen konnte. sie ahnte, daß sie eines nicht zu fernen tages in diese geschehnisse verstrickt werden würde, und über ihren nacken lief ein aufgeregter schauer, den sie nicht zu deuten wusste.

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