kapitel 6

so schnell es der enge rock zuließ, eilte susi die geschwungene treppe hinab. auf der hälfte kam ihr das mädchen mit dem babydoll entgegen. diesmal trug es allerdings ein tageskleid aus grünem taft im glockenstil. sie lächelte susi offenherzig an und streckte ihr eine hand entgegen. ‚hallo, ich bin babs. herzlich willkommen in den ratsstuben.’ susi war erleichtert über die freundlichkeit. ‚ich bin susi, guten tag. ich bin auf dem weg zu madame, weißt du, wo ich sie finde?’ babs beschrieb ihr den weg. ‚also, viel glück und auf bald.’
mit flatterndem herzen klopfte susi an die beschriebene türe. ‚herein!, rief es von innen mit rauchiger stimme. zögernd trat susi ein. madame saß hinter einem gewaltigen schreibtisch aus wuchtiger eiche und ging ein paar papiere durch. susis anwesenheit schien ihr gar nicht aufzufallen. erst nach einer kleinen weile, die susi wie eine ewigkeit erschien und in der sie ratlos überlegt hatte, wie sie sich nur bemerkbar machen könnte, ohne aufdringlich zu erscheinen, hob madame den kopf, stand auf und drehte eine mit kleinen glitzernden steinen besetzte brille zwischen ihren fingern.
‚nun, das gefällt mir schon sehr viel besser, muß ich sagen’, ließ sie mit einer idee von anerkennung im tonfall verlauten, während sie susis erscheinung mit geschäftsmäßigem blick begutachtete. ‚ hier und da könnte der stoff noch ein wenig straffer sitzen, und natürlich muß dein haar gemacht werden, aber ansonsten: recht anständig.’
susi war verwirrt. ‚noch straffer?’ dachte sie. ‚das geht doch gar nicht.’ aber sie hütete sich, ihre gedanken laut auszusprechen. sie wußte instinktiv, daß diese weltgewandte person, die ihr dort gegenüberstand und deren elegante erscheinung susi ganz schwindlig machte,  widerspruch nicht duldete. schon gar nicht von einem unerfahrenen mädel wie ihr. also nickte sie nur artig.
madame setzte sich wieder an ihr bureau und drückte einen knopf auf der sprechanlage. ‚nikki, bitte.’
dann widmete sie sich wieder ihren papieren und beachtete ihren besuch nicht weiter, ja, sie schien ihn bereits wieder vergessen zu haben.
susi wußte nicht, was sie tun sollte, und so blieb sie einfach wortlos stehen, wo sie war und wartete, was passierte. stumm betrachtete sie den raum, der mit allerlei teuren möbeln ausgestattet war, die alle zueinander passten und nicht zusammengewürfelt waren, wie sie es aus dem haus ihrer armen omi kannte. der boden war ausgelegt mit einem burgunderfarbenen teppich, der so weich und flauschig schien wie das fell von pitti, dem blinden rehkitz, mit dem sie daheim fast täglich gespielt und geschmust hatte. schlagartig überfiel sie eine tiefe traurigkeit, als ihr in den sinn kam, daß sie ihre geliebte heimat vielleicht nie wiedersehen würde.
nach einem kurzen klopfen öffnete sich die türe, und nikki kam herein.
madame hob ihren kopf. ‚bring das mädchen zu babs und laß sie von ihr verarzten.’
‚sehr wohl.’ antwortete nikki und bedeutete susi, mit ihr zu gehen. als sie schon halb aus der tür waren, erklang die stimme der hausherrin noch einmal:’susi?’
sie drehte sich um. ‚ja, madame?’
‚wenn du dich ordentlich benimmst und keine unnötigen flausen im kopf hast, wird es dir hier nicht schlecht ergehen. denk immer daran.’
dann wandte sie sich wieder ihrem bureau zu. susi folgte nikki durch die schwere gepolsterte tür hinaus auf den gang. und während sie hinter ihr herlief und versuchte, mit dem forschen gang der anderen schritt zu halten, fragte sie sich, was um himmels willen sie bei babs für eine behandlung erwartete.

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