kapitel 5

ein stürmisches klopfen gegen die schlafzimmertüre holte susi aus ihrem traumlosen schlaf. ihre lider flatterten in der strahlenden mittagssonne, und erschrocken fuhr sie hoch. sicher hatte sie den schulbeginn verschlafen, und nun versuchte ihre großmutter, sie verzweifelt zu wecken. susi rieb sich die augen und sah sich um. mit einem schlag brandete die erinnerung an die letzte nacht in ihr auf wie eine welle heißer lava. nein, sie war nicht zu hause, und das klopfen stammte nicht von ihrer oma. die war weit fort und wußte nichts von ihrer neuen umgebung, die sie nun zögernd in augenschein nahm.
‚susi, nun aber raus aus den federn. es ist mittag, und du bist nicht zum schlafen hier.’ die stimme vor der türe klang bestimmt und fordernd. susi erkannte sie sofort, sie gehörte nikki, der empfangsdame.
zaghaft stand susi auf und entriegelte das türschloß. nikki schritt entschlossen an ihr vorbei und warf ein paar kleidungsstücke auf das bett. ‚schöne grüße von madame. such dir davon etwas aus, zieh es an und komm dann herunter. sie möchte dich sprechen.’ schon war sie wieder aus der tür. sie drehte sich noch einmal um und musterte susi kurz mit einem fachmännischen blick. ‚und verabschiede dich schon mal von deinen haaren. diese fräulein-rühr-mich-nicht-an-frisur hast du die längste zeit getragen.’
als nikki gegangen war, sah sich susi den stapel kleider an. sie waren wunderschön, aber allesamt zu kurz und zu klein. madame mußte sich in der größe geirrt haben. sie beschloß trotzdem zu tun, wie ihr geheißen und zwängte in eines hinein, das ihr besonders gefiel: ein traum aus himmelblauem gros de chine mit violetten rosenapplikationen am ausschnitt, der recht tief saß und sie daher ein wenig an ein dirndl erinnerte. als sie sich so im spiegel sah, erschrak sie fast. die eng anliegende taille nahm ihr beinahe den atem, aber auf eine seltsam anmutige weise unterstrich der knappe schnitt ihre natürlichen formen. verlegen senkte susi ihren blick. was dachte sie sich nur, das kleid war zu klein und weiter nichts, madame würde sofort nach einem größeren modell schicken lassen, wenn sie sie so sah.
rasch kämmte sie noch ihre weizenhellen locken zurecht und schickte sich, ihre gönnerin nicht länger warten zu lassen.

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