Kapitel 4

‚sieh an, sieh an. wen haben wir denn da?’ eine mondän gekleidete dame kam auf sie zu und reichte ihr ihre hand. susi erwiderte den gruß und machte einen leichten knicks. in welch vornehmer umgebung war sie hier nur gelandet? eigentlich hatte sie ein ganz gewöhnliches gasthaus erwartet, ein wenig so wie das ‚schützenhaus’ in ihrem dorf, wo die männer abends ihr bier tranken. aber das hier war eine ganz andere welt. bestimmt waren die gerichte hier sehr teuer und die gäste ungeheuer reich. sie kam sich fehl am platze vor mit ihrem schlichten braunen  faltenrock und ihrer karierten bluse, die ihr die oma genäht hatte. sicher würde sich ihr auftauchen hier gleich als peinlicher irrtum herausstellen.
‚niedlich siehst du aus. komm, dreh dich mal’, forderte sie dame sie auf. susi tat, wie ihr geheißen. ‚hübsch, sehr hübsch. hier und da ein paar rüschen und eine frechere frisur, aber ansonsten ... charlie hatte schon immer einen ausgeprägtes gespür für talentierten nachwuchs.’
auch wenn susi nicht recht verstand, so war sie doch erleichtert, daß sie offenbar nun doch nicht des hauses verwiesen wurde.
‚schön, dann schlaf dich erst mal aus und später sehen wir weiter. nikki zeigt dir dein zimmer.’
die dame zog sich zurück und die frau, die ihr die türe geöffnet hatte, erschien wieder. ‚na, dann kom mal mit, kleine.’ susi folgte ihr eine der beiden treppen hinauf und den gang entlang, der mit teurem teppich ausgelegt war. durch die vielen türen, an denen sie entlang liefen, drangen rauhe männerstimmen, und das hohe gelächter amüsierter frauen. eine der türen öffnete sich, und eine mit einem rosa babydoll gekleidetes mädchen etwa in susis alter überquerte kichernd den flur und verschwand in einem gegenüberliegenden zimmer. es schien hier recht vergnügt zuzugehen, und susi spürte, wie ein wenig last von ihrem herzen genommen wurde.
‚das ist ab jetzt dein zimmer.’ sie waren am ende des flurs angekommen und standen nun in einer schlicht eingericheteten mädchenkammer mit schrägen dachbalken, in das durch zwei kleine klappfenster das licht des erwachenden morgens fiel.
die frau, deren name offensichtlich nikki war, stellte susis kleinen koffer auf den boden.
‚dann schlaf dich mal anständig aus, und später kommst du runter.’
susi sah sich unsicher um und setzte sich dann auf das frisch bezogene bett. hier mußte zuvor ein ehepaar übernachtet haben, es war groß und hatte zwei kissen und zwei decken.
susi war erschöpft, aber gleichzeitig so aufgewühlt, daß sie glaubte, jetzt unmöglich schlafen zu können. trotzdem legte sie ihre kleidung sorgsam zusammen, zog sich ihr geblümtes nachthemd an und legte sich hin. innerhalb von sekunden war sie eingeschlafen.

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