kapitel 3

ein gong ertönte, erschrocken wich susi zurück. im inneren des gebäudes näherten sich schritte, und die türe öffnete sich einen spalt breit. eine frau mittleren alters lugte heraus und beäugte sie mißtrauisch. sie war auffällig geschminkt und pompös gekleidet. susi hatte damen in einer solchen aufmachung bisher nur in den journalen gesehen, die im wartezimmer des doktors auslagen. ob sie wohl mitten in einen ball hineingeplatzt war? aber um diese uhrzeit? über den dächern graute bereits der morgen. zuhause in ihrem dorf stand man jetzt schon bald wieder auf.
‚ was willst du?’ die stimme der frau klang unwirsch.
susi nahm allen mut zusammen. ‚dieser mann hier hat mich hergebracht’ sie zeigte die visitenkarte vor, die sie die ganze zeit über in ihrer hand gehalten hatte und die nun schon recht verbeult aussah.
‚er hat gesagt, ich könne hierher kommen, wenn ich nicht mehr weiter wüßte. Sie kümmerten sich schon um mich’
die dame schnappte nach der karte und betrachtete sie kurz. als handele es sich um ein billet für den eintritt, öffnete sie die türe auf einmal weit, und ihre roten lippen verzogen sich zu einem breiten grinsen.
‚so so. dann immer rein in die gute stube.’ mit der einen hand griff sie nach susis köfferchen und mit der anderen machte sie eine einladende handbewegung.
beklommen ging susi an ihr vorbei und betrat das imposante foyer.
‚setz dich erstmal dort hin.’ die frau wies auf eine gepolsterte sitzgarnitur. ‚ich werde madame bescheid sagen.’ sie verschwand hinter einer der türen.
susi sah sich mit großen augen um. links und rechts führten weit geschwungene treppen in die obere etage, von der leise musik herunterklang. unter ihren füßen knarrte der palisanderfarbene holzfußboden ein wenig, das licht der kandelaber spiegelte sich im karmesin der tapete und in den duft von schwerem parfum mischte sich ein süßlicher geruch wie von leicht gegorenem obst. ein unbekannter, fast wohliger schwindel überfiel sie.

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