die memoiren der susi - I

kapitel 1

 
susi hob den kopf und strich sich eine semmelblonde strähne aus dem gesicht. verwirrt betrachtete sie die funkelnde leuchtreklame über der rubinroten markise. das sollte ab jetzt ihr neues zuhause sein? sie spürte ihr herz ängstlich bis zum hals hinauf schlagen. am liebsten wäre sie umgekehrt und fortgelaufen, in das kleine beschauliche dorf, in dem sie so behütet aufgewachsen war. aber sie wußte, es führte kein weg mehr dorthin zurück. zu groß war die enttäuschung, die sie ihrer großmutter bereitet hatte. dieser gütigen alten frau, die sie einst zu sich genommen hatte, als susi von heute auf morgen zur waise geworden war, und die sich jeden pfennig vom munde abgespart hatte, damit ihre geliebte enkelin es einmal besser haben würde, und nun das: susi war durch die schulprüfung gefallen. nie wieder würde sie dieser herzensguten frau unter die augen treten können.
‚mach dir keine sorgen, omimi, ich muß nun meinen eigenen weg gehen. ich werd’s schon schaffen. nie werde ich vergessen, was du für mich getan hast. dein suserl.’
diesen abschiedsbrief hatte sie auf dem alten bauerntisch in der diele hinterlassen, bevor sie in der nacht heimlich das haus ihrer kindheit verlassen hatte. und nun stand sie hier mit nichts weiter in der hand als ihrem kleinen koffer mit dem lustigen schottenmuster, in den sie hastig ihre wenigen habseligkeiten gepackt hatte.

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